Die gute alte Zweitmeinung
Es gibt verschiedene Strategien, um ans Ziel zu kommen. Die bekannteste lautet: schneller und besser sein als die anderen. Das ergibt Sinn, wenn man an die Dynamik der sozialen Medien oder an einen 800-Meter-Lauf bei Olympia denkt. Es gibt aber Situationen, in denen Geschwindigkeit nicht die alles entscheidende Grösse ist. Die Medizin liefert dafür ein lehrreiches Modell.
In der Medizin hat sich ein Prinzip etabliert, das verlässlicher ans Ziel führt: die Zweitmeinung. Eine unabhängige zweite Einschätzung erhöht die Behandlungschancen und reduziert blinde Flecken. Das liegt nicht daran, dass die erste Ärztin oder der erste Arzt nicht kompetent genug wäre, sondern an einer schlichten Tatsache: Zwei Fachleute kommen gemeinsam zu einem besseren Urteil für den Patienten als eine Fachperson allein.
Wirksam ist die Zweitmeinung vor allem dann, wenn sie unabhängig von der ersten erfolgt und kein Interesse daran besteht, jemanden zu widerlegen. Es geht nicht ums Rechthaben, sondern um dreierlei: die Diagnose zu bestätigen, zusätzliche Behandlungsoptionen sichtbar zu machen und die Gesamtsituation der Patientin oder des Patienten besser einzuordnen.
Und die Kosten? Sie steigen dadurch in der Regel nicht. Häufig gleicht die präzisere Behandlung den Mehraufwand aus oder senkt die Gesamtkosten sogar, weil unnötige Eingriffe entfallen. Die meisten Spitzenmedizinerinnen und -mediziner würden, wenn sie selbst Laien wären, vermutlich genau so vorgehen.
Schnell vs. schnell und abgesichert
Dieses Modell empfehle ich allen Unternehmen, die KI bereits einsetzen oder deren Einführung planen und überall dort, wo KI mehr leisten soll, als Dokumente zu erstellen, Tabellen zu berechnen oder Präsentationen zu gestalten.
Einige Unternehmen sind sehr schnell in die Umsetzung gegangen, in der Produktion, in der Talent Acquisition, im Marketing. Viele rudern inzwischen ein Stück zurück. Das ist meist die Folge eines Tempos, das niemand hinterfragt hat. Jeder KI Einsatz kann potentiell Budget, Rechenleistung und, noch kostbarer, das Vertrauen der Mitarbeiter kosten.
Damit komme ich zum eigentlichen Punkt. In der Medizin funktioniert die Zweitmeinung, weil an ihr niemand verdient. Kommt man für eine Zweitmeinung in die Sprechstunde, geht es um einen Experten-Rat, den Mediziner auch bei Nachfrage sehr gerne geben. Für die meisten ist der Wunsch, Menschen zu helfen, ohnehin ein Grund, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen. Bei der KI ist die Erstmeinung dagegen häufig auf der Verkaufsseite: Anbieter, Integratoren, Implementierungsberatung. Deren Umsatz wächst mit der Menge eingesetzter KI, nicht mit der Frage, ob der Einsatz überhaupt sinnvoll war. Eine unabhängige Zweitmeinung filtert genau diese Fälle heraus, bevor sie Schaden anrichten.
Was eine gute Zweitmeinung ausmacht
Sie ist unabhängig von der Verkaufsseite und hat kein eigenes Produktinteresse. Sie beurteilt die Gesamtsituation des Unternehmens statt den einzelnen Anwendungsfall. Und sie ist ergebnisoffen – auch «kein KI-Einsatz» oder «ja, aber mit diesen Anpassungen» ist ein zulässiges Ergebnis.
Zwei Einschränkungen gelten hier: erstens ist nicht jede Fachperson befangen; Interne Spezialisten oder ohnehin produktneutrale Beratende können sehr wohl unabhängig urteilen, entscheidend ist der Anreiz, nicht das Etikett. Zweitens ist auch die Zweitmeinung nicht gratis. Sie rechnet sich nicht automatisch, aber mindestens über die Fehlinvestitionen, die sie verhindert.
Eine einfache Entscheidungshilfe
Wann lohnt sich dieser Aufwand? Dafür schlage ich eine Matrix entlang zweier Fragen vor: Wie gross ist die Tragweite einer Entscheidung – ihre Wirkung auf Menschen, Compliance, Kosten, Reputation? Und wie leicht ist sie umkehrbar, falls sie sich als falsch erweist?
Die Logik ist einfach: Im grünen Feld, kleine Wirkung und leicht rückgängig zu machen, ist das schnelle Ausprobieren der KI-Begeisterten völlig richtig. Je weiter eine Anwendung nach links oben rückt, also je grösser die Tragweite und je schwerer die Umkehrbarkeit, desto wichtiger wird die unabhängige Zweitmeinung. Im roten Feld, etwa bei sicherheitskritischen Entscheiden oder bei Rekrutierungs-Vorselektion, ist sie kein Luxus, sondern Pflicht.
Gerade kleinen und mittleren Unternehmen ohne eigene KI-Fachstelle in Vollzeit empfehle ich dieses Vorgehen. Hier ist die Zusatzschlaufe gleichzusetzen mit gezielterer Schnelligkeit und langfristigem Denken.